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Buchtipp

Sperrzonen – Pripjat und Tschernobyl

Aus: DIE ZEIT 35/2004
Die Vertreibung aus dem Paradies
Atemraubende Fotografien aus der gesperrten »Zone« in Tschernobyl
Von Ludwig Fels

Vor 18 Jahren, in der Nacht vom 25. zum 26. April 1986 um 1 Uhr 23 Minuten und 40 Sekunden, ging ein Stück
der Welt verloren, als der Reaktorblock IV des russischen Atomkraftwerks Tschernobyl explodierte.
Bei der Explosion eruptierte radioaktives Material mit der Masse von vermutlich 10 Hiroshima-Bomben bis zu
11000 Meter hoch in die Atmosphäre des östlichen Europas, und eine lautmalerisch verniedlichend »Wolke«
genannte Zusammenballung hoch radioaktiver Nukliden, bestehend aus Jod 131, Plutonium 239, Neptunium 139,
Cäsium 137, Strontium 90, um nur einige der bekanntesten zu nennen, wurde in nordwestlicher Richtung über
die baltischen Staaten getragen. Und weiter, zu uns.

Der GAU wurde erst geheim gehalten und dann heruntergespielt. Das, was passierte, Katastrophe zu nennen,
wäre keine Lüge, aber auch nicht die ganze Wahrheit. Abertausende von Liquidatoren waren im Einsatz,
um »die Zone«, wie das verseuchte Gebiet heute noch heißt, großflächig zu räumen. Die Evakuierung von weit
über 100000 Menschen fand mit einer riesigen Omnibusflotte statt. Hunde, Katzen und Kühe wurden erschossen.
Seitdem existiert diese umzäunte Sperrzone in einem 30-Kilometer-Radius um die evakuierten Städte Pripjat
und Tschernobyl: betreten verboten.

Vom 6. bis 9. Juni 2001 hielt sich der kanadische, in New York lebende Architektur-Foto- graf Robert Polidori
in der Sperrzone auf, um dort zu fotografieren: Hinterlassenschaften einer verschwundenen Zivilisation.
Polidori, renommiert durch seinen 2001 erschienenen Bildband Havana, liebt extreme Exkursionen.
Der Schritt von der farbenschwelgerischen Metropole Kubas in die am Reißbrett geplante Plattenbau-Enklave
Pripjat, die Heimat und Arbeitsplatz für etwa 50000 Menschen war, ist ihm mehr als nur geglückt.

Die Fotos in Pripjat wurden von Polidori mit Mundschutz und Schutzhelm gemacht. Es sind Bilder einer
scheinbar ewig währenden Erstarrung und Verkrustung, still, leise, beklemmend. Eine Stadt nach einem
Erdbeben schaut verwüsteter aus als die von außen wohnlich scheinenden Ruinen Pripjats, wo der Verfall in
Zeitlupe stattfindet. Das Bezwingende dieser Bilder liegt in der unnachahmlichen Genauigkeit und
Tiefgründigkeit der Motive – in ihrer nicht auf Pathos beharrenden Ästhetik.

Das erste Foto zeigt den havarierten Reaktorblock IV in seinem Betonsarkophag, der das ewige Feuer hütet,
mit dem man den Menschen zum zweiten Mal aus dem Paradies vertrieben hat. Ein Baukran, einige
regenverwaschene Bauhütten, industrielle Tristesse. Alles wirkt wie in einem bösartig verhängten
Dornröschenschlaf, der schon zu lange dauert, obwohl er nicht einmal richtig begonnen hat.
Polidoris Fotos fangen Schweigen ein. Die Wachmänner vor dem Sarkophag als proletarische Relikte.
Die Ingenieurteams in den Kontrollräumen sehen Chirurgen oder Zuckerbäckern ähnlich. Man sieht die
ockerfarbenen Gondeln eines kleinen Riesenrades, das für die Feiern zum 1.Mai 1986 aufgestellt wurde,
und wild wucherndes Grün, das durch den Beton bricht, menschenleere Häuser, menschenleere Straßen, im
Kindergarten zurückgelassene Puppen. Ein Belag aus Schimmel, Moder über allem. In einem Klassenraum des
Kindergartens Nummer sieben auf der rot verfärbten Tafel steht in kyrillischen
Buchstaben: »eine rückkehr gibt es nicht. lebt wohl! pripjat, 28. april 1986«.

Man kann die Intensität dieser Fotos kaum beschreiben. Die Bilder wirken trügerisch, statisch, lösen beim
Betrachter eine Art fiktionaler Paranoia aus, das Empfinden, als hätten wir einen Blick auf die Rückseite
der Traumgestade unserer schwarzen Fantasie getan. Geisterstädte. Draußen auf dem Land, zwischen Birken-
und Kieferwäldern, liegen Siedlungen und Dörfer mit Namen wie Kopatschi, Schipelitschi, blühen die Blumen,
tragen die Bäume Früchte, stehen schmucke Häuser hinter Gartenzäunen im wuchernden Grün. Nirgendwo ein
sich bewegender Schatten. An den Ufern der Pripjat Schiffswracks, halb versunken zwischen Seerosenblättern,
und im Buriakowafeld, einer Senke mit schilfumstandenen Tümpeln, wo radioaktiv verseuchtes Militärmaterial
verbuddelt wird, liegen bleiverkleidete Tanks, strahlend verrostend.

Wir verdanken Polidori die Sichtbarmachung des feinen Risses, der zwischen bloßem Anblick und Erkenntnis
verläuft. Seine Kamera ist das Medium, mit dem er aufgegebene Räume zurückgewinnt: Fotos gegen die, wie er
sagt, »subjektive Amnesie«. Dieser Band hat das Format einer Gesetzestafel – beredte Warnung an die
Analphabeten des kollektiven Gewissens.

Es gibt Wissenschaftler, die sagen – 18 Jahre nach dem, was wir vielleicht unbedarft Katastrophe nennen –,
dass man in 100000 Jahren wieder in Pripjat leben kann.

Robert Polidori: Sperrzonen – Pripjat und Tschernobyl Mit einem Essay von Elizabeth Culbert;
Steidl Verlag, Göttingen 2004; 112 S., Abb., 60,–€